Zürichs Problem mit der Integration von Expats

March 18, 2013 — 2 Comments

Immer wieder lesen wir über das Problem der Expat-Integration. Einheimische meinen, dass die Expats (generell Englischsprechende) sich bei der Integration hier in der Schweiz keine Mühe geben. Sie haben den Ruf arrogante Vielverdiener zu sein, die es nicht für nötig halten, sich in die Sitten des neuen Wahllandes einzuleben. Man findet sie meistens in den englischen und irischen Pubs der Stadt oder zuhause in ihren Villen am Zürichsee oder in den steuergünstigen Kantonen Zug und Schwyz. Spricht man den normalen Schweizer auf Expats an, sagt er wahrscheinlich, dass sie unter sich bleiben. Ihrerseits sagen die Expats aber auch, dass es sehr schwierig sei, sich hier in der Schweiz als Teil der lokalen Gesellschaft zu fühlen. Integration scheint also doch nicht so einfach zu sein. Um das zu bekämpfen investiert der Kanton viel Geld in Integrationsintiativen wie zum Beispiel Informations- und Begrüssungsabende, die auf English gehalten werden. Dazu bekommen auch verschiedene Expat Organisationen Geld und Unterstützung, um die Arbeit des Integrationsamts zu erleichtern. Nichtsdestotrotz bleibt der Erfolg aus. Und hier liegt mein Problem.

Letzten Samstag war ich zum wiederholten Mal auf einem solchen Expat-Anlass und wieder enttäuscht. Als Auslandsschweizer habe ich grosses Verständnis für Expats. Dazu arbeite ich auch tagtäglich mit Expats, indem ich ihnen die deutsche Sprache beibringe, um sie dadurch zu integrieren. Wie bei den anderen Events wurde ich wieder von einem der Organisatoren eingeladen mit der Behauptung, dass ich und einige andere für unsere Arbeit bezüglich Integration geehrt werden würden und nebenbei würde ich viele potenzielle neue Kursteilnehmer treffen. Und da beginnen schon die Probleme: Diese Veranstaltungen für Expats sind schlecht organisierte Networkingpartys. Hauptsache es gibt einiges umsonst und verschiedene Gruppen und Firmen, die ihr Angebot an Kursen, Programmen und Produkten präsentieren können. Schweizer und sogar Deutschsprachige sind hier eher selten — ich schätze ihr Anteil liegt bei ca. 10%. Die behauptete Integration im Sinner beider Gruppen bleibt hier aus. Die Leute, die sich an solchen Anlässen treffen bleiben zu größtem Teil Ausländer mit guten Englischkenntnissen, die anderen Menschen in der gleichen Lage, kennen lernen wollen und dabei ein paar Bier oder Prosecco trinken wollen. Dabei sind einige Schweizer, die mal im Ausland gearbeitet haben, und auch hier in der Schweiz in einem multikulturellen Umfeld leben wollen. Integriert sind sie zwar, jedoch nur untereinander. Die sogenannte Expat-Community ist sehr offen, auch Schweizern gegenüber.

still1Von Seiten des Integrationsamts, vieler Schweizer und anderer Expats kann man aber von keiner Integration sprechen. Es wird erwartet, dass man sich als ein Teil der Gesellschaft, der Nachbarschaft, der Gemeinde fühlt. Dies ist vielen Expats aber noch nicht gelungen. Warum? Sind sie in ihrer Expat-Blase gefangen? Oder sind die Schweizer zu hart und kalt─ ein Volk, das sich nicht knacken lässt? Nein, die grösste Hemmung ist das moderne Leben. Man muss sich eigentlich fragen, wie gut man als Schweizer selber in seiner Gemeinde integriert ist. Zürich lockt Menschen aus der ganzen Welt und natürlich auch aus der ganzen Schweiz. Sie ist eine wirtschaftliche Hochburg des kapitalistischen Erfolgs; wer möchte denn nicht gerne hier leben? Ich bin davon überzeugt, dass es den meisten Zugezogenen ähnlich wie den Ausländern geht. Es sind nämlich genau die aus anderen Teilen der Schweiz Zugezogenen, die sich mit den Expats vermischen.

Warum ist Integration mittlerweile so schwierig geworden? Die Antwort hängt mit der Entwicklung des Egoismus zusammen. Wir haben das Gefühl einander nicht mehr so viel zu brauchen. Wie viele Vereine gibt es heute noch im Vergleich zu früher? Wie viele Gemeinde-Ferienhäuser wurden verkauft, weil heute jeder seine eigene Zweitwohnung in den Bergen haben will, oder gar keine Ferien in der Schweiz verbringen möchte? Die, die integriert sind, also die, die im selben Ort aufgewachsen sind, haben bereits ihre kleine Gemeinschaft und haben meistens wenig Interesse neue Freundschaften zu schliessen. Und die zugezogenen Schweizer können am Wochenende einfach wieder “nach Hause” fahren, um ihrerseits bestehende Freundschaften zu pflegen. Sogar viele Expats aus Großbritannien und Irland können sich das leisten. Also ist Integration überhaupt wichtig? Ich würde diese Frage immer noch mit Ja beantworten. Aber wir müssen uns bewusst werden, was wir von Integration eigentlich erwarten.

Grundsätzlich gibt es ein fundamentales Missverständnis zwischen Schweizern und Expats, nämlich darüber, wie man sich als neu Hinzugezogener in einem anderen Land zu verhalten hat. Englischsprechende (Engländer, Amerikaner, Iren, Kanadier usw.) sind es gewöhnt, dass man die Neuankömmlinge begrüsst, sich vorstellt und sie einlädt an gesellschaftlichen Anlässen teilzunehmen oder zum Beispiel in Vereinen mitzumachen. Der Schweizer hingegen erwartet, dass der Neue sich selbst vorstellt und anbietet. Hinzu kommt, dass Englischsprechende Fremden viel schneller vertrauen als die Schweizer. Im Resultat dauert es länger, sich hier in der Schweiz einzuleben.

Eine Rolle spielt aber auch die Sprache. Auch wenn die neu Zugezogenen schon im Ausland Deutsch (sprich: Hochdeutsch) gelernt haben, können sie zumeist wenig mit Schweizerdeutsch anfangen. Herr und Frau Schweizer helfen hier aber meistens gar nicht. Statt mit den Neuankömmlingen Hochdeutsch zu sprechen, wechseln sie direkt ins Englische. Hier könnte man stattdessen langsam und deutlich mit Expats Deutsch sprechen und ihnen nebenbei helfen Schweizerdeutsch zu verstehen. Schon kleine Hinweise — es heisst “Stange” nicht “kleines Bier” — können der Integration zuträglich sein.

Screen Shot 2013-03-18 at 23.00.14Des Weiteren sollten auch Unternehmen, die Mitarbeiter aus dem Ausland rekrutieren, größeres Augenmerk darauf legen, neuen Expats die Sitten und kulturellen Eigenheiten der Schweiz von Anfang an näher zu bringen. Hier kann das Integrationsamt helfen und es reicht oft schon ein halber Tag. Ausserdem könnten Unternehmen eine Art Mentorensystem einrichten: Schweizer Mitarbeiter, die ihre ausländischen Kollegen in lokale Gebräuche einführen und sie animieren, an gesellschaftlichen Anlässen teilzunehmen. Auch ortsansässige Vereine könnten ermutigt werden, mehr ausländische neue Mitglieder aufzunehmen. Viele meiner Kursteilnehmer spielen z.B. in Bands zusammen mit Schweizern oder sind im Alpinisten Club. Diese Expats haben in aller Regel mehr Schweizer Freunde und sprechen schneller besseres Deutsch.

Mit diesem Artikel will ich betonen, dass der Kanton, die Stadt, und Frau und Herr Schweizer das Integrationsproblem neu überdenken sollten. Zurzeit funktioniert es nicht und viele Steuergelder werden schlicht verschwendet. Expatklubs müssen keine finanzielle Förderung bekommen, weil sowohl Schweizer als auch Expats wollen, dass Schweizer und Expat zusammenkommen und nicht, dass eine parallele Expat-Gesellschaft geschaffen wird. Dafür bedarf es aber Zeit, Geduld und Offenheit auf beiden Seiten.

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2 responses to Zürichs Problem mit der Integration von Expats

  1. 

    Great article Christian! I think you only mention English mother-tongue people, don’t think it is better with others! Swiss people used to tell me to find South American social groups to meet people. I thought: wow! Did i come here to meet South Americans? I thought maybe they found me uninteresting outside my continent. I have chatted to some Swiss here in Spanish, often they can speak it fluently and some said somewhat prodly that they learnt it in six months while travelling to SA. Of course, in SA people talk to you, they don’t tell you to go and find other Swiss…You don’t just go to a Spanish course and then sit alone in cafes or at home studying or maybe having to watch tv to listen to the language. I am sure I have made some mistakes too, like dropping out of trying from learning German seriously about three years ago, sorry, i found it a waste of money apart from other things (kids school schedule colliding with most courses) but really, integration is super super hard here. This is not only in Switzerland. I have lived in France (Paris, and I could speak French very well), England and in the Netherlands and it is not easier there. Asia is much easier in my experience. I love Switzerland -what a beautiful country!- and its people and hope to integrate and be good somehow for the country even if know I might move out. Your Stammtisch is great, thank you so much for organising it.

  2. 

    Very nicely written. Meiner Meinung nach – you hit the spot with ‘people thinking they don’t need one another anymore’. Wir haben uns mit uns selbst beschäftigt und für andere Leute haben wir kein Zeit mehr. Eine von Nebenwirkungen des Kapitalismus, glaube ich.

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